DAS BÖSE BRINGT DEN TOD von Theo Gitzen

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Ein spannender Thriller!
Auf 340 Seiten erzählt das Buch die Geschichte einer Bäckerfamilie in einer Zeit von wirtschaftlichem Aufschwung, der Zerstörung durch den Bürgerkrieg und der Flucht in eine fremde Welt. Von Liebe, Leid, Mord und Erpressung und dem Verlust bester Freunde durch skrupellose Gangster, auf der Jagd nach dem Geheimnis der „Magic Pizza“.
Als sie glaubten dem Schlimmsten entgangen zu sein, holte das Böse sie ein und brachte den Tod mit nach Deutschland

Auch als eBook für 3,49 € erhältlich.

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Beschreibung

Auf 340 Seiten erzählt das Buch die Geschichte einer Bäckerfamilie die sich im Paris des Nahen Osten (Beirut) eine Existenz aufbauen will und dabei in die Wirren des wie aus dem Nichts aufkommenden Bürgerkrieg gerät.
Gleichzeitig gehen sie einen riskanten Deal mit ihrem ärgsten Konkurrenten und Mörder ein. Diese Entscheidung sollte sie in eine Katastrophe führen und noch bis nach Deutschland verfolgen.
Auch wenn es so schien als sei alles gut und der geschäftliche Erfolg sie arglos machte, lauerte im Hintergrund das Böse und bringt den Tod.

Leseprobe

Die Vorgeschichte
Alles begann 1939 in einer kleinen Seitenstraße des Sahat an-Nadschma Platzes inmitten des Zentrums von Beirut.
Es war eine kleine, lebhafte, aber auch schmutzige Straße, die „Mar Antonios“. Viele Häuser waren in sehr schlechtem Zustand und jeder der in dieser Straße wohnte, versuchte sich so gut es ging einzurichten. Es war eine bunte Mischung aus Menschen die in dieser Straße wohnten und Menschen die damit beschäftigt waren ihre kleinen Läden und Werkstätten zu unterhalten, um sich so eine eigene Existenz aufzubauen. Die meisten jedoch lungerten arbeitslos und ohne Perspektive einfach nur herum und warteten darauf, dass Jemand vorbeikommt und ihnen Arbeit gibt.
Das Zentrum der kleinen Straße jedoch war Alis-Kaffeestube.
Hier traf sich alles und jeder, der irgendwie auf der Suche nach „Geldverdienen“ war. Der wirkliche Boss jedoch war Machmud, ein 30jähriger, fast hundert Kilo schwerer und immer gries-grimmig dreinschauender Syrer, der vor einigen Jahren mit seinem Familienclan nach Beirut gekommen war. Machmud hatte schnell erkannt, dass er mit der Armut der Leute richtig reich werden konnte. Seinem Familienclan gehörte die halbe Straße und wer hier ein Geschäft machen oder gar aufmachen wollte, musste sich erst das Einverständnis von Machmud einholen.
Machmud kontrollierte in dieser Straße so gut wie alles und jeden. Leuten die ein Geschäft aufmachen wollten, gab er problemlos einen Startkredit, dafür mussten sie jedoch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Einnahmen abgeben. Wer keine Arbeit hatte, fand sich bald als „Beschaffer“ für Machmud eingesetzt. Wer dennoch hier lebte und nichts mit Machmud zu tun haben wollte, machte am besten einen großen Bogen um ihn und Alis Kaffeestube. Zu den wenigen, die sich bis dato Machmuds Clan entziehen konnten, gehörten auch Halim und Fadi.

INHALTSVERZEICHNIS Das Böse bringt den Tod

Kapitel 1           Die Vorgeschichte                                           5
Kapitel 2           Die Freundschaft                                            6
Kapitel 3           Die erste große Liebe                                   11
Kapitel 4           Die Geburt                                                      23
Kapitel 5           Das erste Geschäft                                      30
Kapitel 6           Der Kontakt                                                   36
Kapitel 7           Die Freundinnen                                         40
Kapitel 8           Hafa Makhbis                                               47
Kapitel 9           Abanoub                                                         60
Kapitel 10         Hans Schmitz us Kölle                              78
Kapitel 11         Tödliche Überfälle                                       99
Kapitel 12         Die Barrikade                                             106
Kapitel 13         Das ungute Gefühl                                    113
Kapitel 14         Bassam „Der kleine Hosenscheißer“   125
Kapitel 15         Die Eskalation                                            130
Kapitel 16         Der Überfall                                                148
Kapitel 17         Die Hochzeit                                                154
Kapitel 18         Machmuds Männer                                  165
Kapitel 19         Die Schwangerschaft                               170
Kapitel 20         Die Pronto Pizza-Kette                           179
Kapitel 21         Das „Magische Geheimnis“                  188
Kapitel 22         Die Party am Pool                                    199
Kapitel 23         Der heimtükische Überfall…               213
Kapitel 24         Bomben auf Beirut                                 248
Kapitel 25         Die Hinrichtung                                       259
Kapitel 26         Die Flucht                                                   275
Kapitel 27         Die Rückkehr aus dem Koma             287
Kapitel 28         Wie ein Wunder                                      294
Kapitel 29         Die Rache                                                  308
Kapitel 30         Dunkle Wolken am Himmel              329

Abanoub

Junis hatte sich nicht nur schnell als genialer Vermittler für das Geschäft von GK-Cologne bewiesen, sondern genoss mittler-weile in der Firma und auch bei Großkunden eine gewisse Vertrauensstellung. Ganz offiziell tauschte er für seine Firma und auch andere, ausländische Geschäftspartner DM und Dollar gegen Libanesische Pfund (LBP) für Lohnzahlungen und Bestechungs-gelder, sowie LBP gegen DM und Dollar als stabile Wertanlage für Libanesen, auf dem Schwarzmarkt bei einem gewissen „Abanoub“ um. Das Zusatzgeschäft lief gut und je mehr der Bürgerkrieg Einzug hielt, desto größer wurden die Beträge, die er im Auftrag seiner „inoffiziellen“ Kundschaft tätigen sollten. Bis zu dem Tag an dem sich für Junis und seine geliebte Brigitte alles ändern sollte. Junis genoss hohes Vertrauen und an guten Tagen, hatte er bis zu 10.000 DM und viele Dollar, zum Tausch in seiner Aktentasche.

-:-

Es war ein heißer Mittwochnachmittag im Juli 1975. Junis hatte mal wieder seine Aktentasche randvoll mit DM, Dollar und libanesischem Pfund unterwegs zum Treffen mit Abanoub im Stadtteil Manora.

Unter all dem Geld, das er mit sich führte, war auch ein stattlicher Betrag von seinem Vater. Der mittlerweile einen Teil seiner Einnahmen in DM und Dollar tauschte. Auch für Halim und Fadi wurde die immer größer werdende Unruhe in Beirut spürbar und bereitete den beiden erhebliche Angst. Sie befürchteten, dass eines Tages die Bank of Libanon zusammen-brechen würde und sie so ihr ganzes Geld verlieren würden. So fingen auch sie an, ihre Einnahmen bei ihm, Junis, zu tauschen. Junis war heute irgendwie nicht bei der Sache. Es ging alles so schnell. Im Laufe der Monate hatte er sich immer mehr in Brigitte verliebt, ohne es ihr jedoch zu sagen, Das schlimmste jedoch war ihr Duft. Dieser betörend süßliche Duft aus einer Mischung von „hin -und- weg“, ließ seine Sinne dahin schweifen und ihn immer wieder in diesen Zustand von „unbändigem Verlangen“ abgleiten. Vor ein paar Wochen war es dann passiert. Rein zufällig sind sie sich in der Lobby begegnet. Brigitte lud ihn unverhohlen zu einen Cocktail an der Bar ein. Es passte alles. Der Cocktail, die Musik und vor allem Brigittes betörender Duft. Es war schon spät, als Brigitte plötzlich meinte, dass es für sie besser wäre, wenn sie nun ins Bett gehen würde, schließlich müsste sie morgen für die Delegation aus Deutschland fit sein.
In Wirklichkeit vibrierte alles in Brigitte. Sie hatte schon den ganzen Abend das Verlangen Junis, diesen, leicht schüchtern wirkenden Mann, mit seinen großen Kulleraugen und den langen Wimpern, zu küssen und mit ihm ins Bett zu gehen. Sie stand auf und wie von Geisterhand stolperte sie über den Fuß des Barhockers und fiel Junis genau in die Arme. Ihre Gesichter glühten und der Duft diese betörenden Parfüms drang ihm in die Nase und mit einem Mal konnte er sich nicht mehr halten. Sanft nahm er Brigittes Kopf in seine Hände und ihre Lippen trafen sich. Es war wie eine Erlösung. Wild und Leidenschaftlich küssten sie sich und aus dem frühen Aufbruch wurde eine lange Nacht.

Zwei Wochen später war Junis auf dem Weg zu Abonoub um das Geld seiner Auftraggeber zu tauschen.

Junis war in Gedanken weit weg. Genauer gesagt bei Brigitte. Noch genauer gesagt bei ihr im Bett. Hatten sie doch gestern das erste Mal miteinander geschlafen. Es war für beide das erste Mal und immer noch war Junis wie im Rausch. Er roch ständig an dem Halstuch, welches ihm Brigitte mitgegeben hatte, und sog ihren süßlichen Duft – und es war nicht das Parfüm- ein.

So in wunderschönen Gedanken verloren, merkte er gar nicht, dass er schon an Hausnummer 21 in der Rue General de Gaulle vorbeigelaufen war und betrat, ohne es zu merken, versehent-lich den Hauseingang von Haus Nr. 22. Er ging wie immer in die vierte Etage, öffnete wie in Trance die Tür und betrat den Raum. Niemand war da. Weder Abanoub, noch die Möbel. Schlagartig verschwand der Schleier in seinem Kopf. Junge wo bist du – fragte sich Junis – und ein seltsames Gefühl durchströmte seine Brust. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Auf die Idee, dass er sich im Hauseingang geirrt hatte, kam er nicht. Magisch zog ihn das offene Fenster an. Als wenn dahinter die Antwort auf seine Frage zu finden sei. Er wollte sich gerade aus dem Fenster lehnen, als er von Ge-genüber eine bedrohliche Stimme fragen hörte.

„Wo ist das Geld!?“

„Ich habe kein Geld“ – hörte er Abanoub, dessen rauchig helle Stimme er kannte, ängstlich, fast wimmernd antworten.
Er sah wie der Fremde eine Pistole auf Abonoub, der auf einem Stuhl vor ihm saß, richtete

„Zum letzte Mal“ – wo ist das Geld – „das du uns schuldest?“

„Beim Leben meiner Mutter – glaub mir- ich habe kein Geld“ – wimmerte Abonoub erneut.

„Ich werde es finden“- sagte der Fremde und hielt seine Pistole an den Kopf von Abonoub.

Junis schien das Herz aus dem Hals zu schlagen. Er konnte nicht verstehen was da geschah. Sein Mund war geöffnet, seine Augen starr auf das Geschehen gerichtet.

Bumm – ein lauter Knall und Abonoub sackte leblos in sich zusammen. Langsam- unendlich langsam kippte er vom Stuhl.

Der Fremde drehte sich langsam um und schaute in Richtung Junis.

Wie vom Blitz getroffen reagierte Junis und warf sich in die Ecke auf den Boden. Er hörte auf zu atmen um kein Geräusch zu verursachen, aber sein Herz pochte so laut, dass er glaubte der Fremde könnte ihn hören und jeden Moment, obwohl er im Nebenhaus war, hereinkommen und ihn ebenfalls erschießen. Nur ganz langsam bemerkte er, dass er bei seinem Sprung vor eine kleine unscheinbare Tür in der Wand gefallen war und diese aufgestoßen hatte. Voller Angst vor dem Fremden und am ganzen Körper zitternd kroch er durch die kleine Tür und verschloss sie hinter sich. In diesem Moment sehnte er sich nach seiner Mama, bei der er, als kleiner Junge, auch immer unter den Rock gekrochen war, wenn er vor irgendetwas Angst hatte. Sie hatte ihn dann so lange sitzen lassen, bis er sich beruhigt hatte und von selbst wieder unter dem Rock hervor kam. Doch diesmal war da kein Rock unter den er sich hätte verkriechen können. Vielmehr lag er auf einem staubigen Boden und im Kot von Tauben, die sich dort eingenistet hatten. Er war äußerst angespannt. Seine Ohren lauschten angestrengt ob jemand die Treppe hinauf kommen würde und ob sich die kleine Tür öffnen und das er das Klicken eines Revolvers, der auf ihn gerichtet war, hören würde. Er wusste nicht wie lange er so mit verschlossenen Augen da gelegen hatte. Es schien ihm eine Ewigkeit zu sein. Er zitterte immer noch am ganzen Körper. Langsam hob er seinen Kopf und öffnete vorsichtig die Augen. Er versuchte sich zu orientieren. Genau vor ihm war eine kleine Lücke in der Mauer durch die ein wenig Luft in diesen stickigen Verschlag drang. Rechts von ihm standen zwei Kisten über und über voll mit Taubenkot. Es ekelte ihn und er spürte den scharfen, ammoniakhaltigen Geruch in seiner Nase. Jetzt bloß nicht niesen schoss es ihm durch den Kopf. Vorsichtig drehte er sich in die andere Richtung und wollte sich gerade aufrichten, als sein Blick auf einen mittelgroßen Lederkoffer fiel. Dieser Lederkoffer war merkwürdigerweise an einer Schnur befestigt. Im Gegensatz zu dem ganzen Dreck und Staub der überall verbreitet war, war der Koffer seltsamerweise staub- und dreckfrei. Er wirkte fast neu.

Von dem seltsamen Koffer angezogen, vergaß Junis seine Angst vor dem Fremden. Ganz langsam griff er nach dem Koffer und zog ihn zu sich herüber. Was wohl darin ist – fragte sich Junis – und warum hängt der an einem Seil?

Er öffnete die zwei Lederschlaufen und hob ganz vorsichtig den Deckel an. Hoffentlich ist da kein abgeschlagener Kopf drin oder gar eine Giftschlange.

Junis Kiefer klappten förmlich auseinander.

Mit weit geöffnetem Mund starrte er auf den Inhalt. Was er da sah überstieg seine schlimmsten Befürchtungen. Der Koffer war randvoll mit Geldscheinen. Soweit er es erfassen konnte, handelte es sich um DM und Dollarscheine. Langsam glitt sein Blick zu dem Seil an dem der Koffer hing. Seine Augen folgten dem Seil bis zu dem Loch in der Wand. Wo führt es hin – fragte er sich und kroch auf allen Vieren bis zu dem Loch.

Das Seil hing an einer Rolle und führte über den Innenhof in das Nachbarhaus. Direkt neben dem Raum in dem er sich immer mit Abonoub traf und wo dieser jetzt wohl tot auf dem Boden lag,

Ganz langsam reihten sich die Ereignisse um den Tod von Abonoub in seinem Kopf aneinander.

Da war zum einen, dass Abonoub immer ganz viel Geld zum Tausch angenommen hatte, aber seltsamer Weise, letzte Woche, ihn und wohl auch andere, mit der Auszahlung des Tauschgeldes vertröstete. Angeblich hatten seine Lieferanten wohl ein kleines „Bankenproblem“. Aber alles würde diese Woche bezahlt und er sollte sich keine Sorgen machen- hatte Abonoub ihm gesagt.

Dann war da der Fremde, der lautstark und mit Nachdruck das Geld seiner Klienten zurückforderte und nachdem Abonaub es nicht herausrücken wollte, ihn kaltblütig erschossen hatte.

Und da war der Koffer, den er jetzt vor sich liegen hatte, mit dem vielen Geld.

Je klarer ihm die Zusammenhänge schienen, desto schneller klopfte sein Herz. Also hatte Abonoub Geld unterschlagen und wollte sich damit absetzen. Und damit keiner wusste wo das Geld war, hatte er es in diesem verlassenen Nebengebäude deponiert. Mit dem Seil, das aussah wie eine Stromleitung, konnte Abonoub problemlos den Koffer mit dem unterschlagenen Geld aus seinem Hinterzimmer in diesem Verschlag de-ponieren.

Wer wusste noch davon? Und was, wenn der Fremde das Hinterzimmer und das Seil entdecken würde?

Junis versuchte sich zu beruhigen

Du musst nachdenken. Und wenn niemand davon weiß, dann kannst du das Geld mitnehmen und bist reich – sagte er sich.

Er versuchte einen Plan zu schmieden, wie er das Ganze so hinbekommen würde, dass niemand auch nur annähernd auf die Idee kommen könnte, dass er, Juni, etwas gesehen hat, geschweige denn weiß wo das Geld geblieben ist.

Langsam löste er den Koffer von der Schnur und öffnete vorsichtig die kleine Tür zum Nebenraum.

Sein Blick fiel auf seine Aktentasche, die prall gefüllt mit dem Geld seiner Kunden und auch seines Vaters mitten in dem Raum lag, den er fluchtartig durch einen Sprung verlassen hatte. Schlagartig begann sein Herz wieder zu rasen. Was wenn der Fremde sie gesehen hat und jetzt nur auf ihn warten würde,

Junis traute kaum sich zu bewegen, steht da eventuell der Killer in der Ecke und wartet nur bis er aus seinem Versteck gekrochen kommt- oder steht er eventuell am anderen Fenster und wartet auf ihn um ihn dann von dort zu erschießen?

Ganz langsam kroch er auf allen Vieren, sich immer wieder umschauend und den Blick ständig zwischen Tür und Fenster hin und her schweifen lassend, zu seiner Aktentasche.
Obwohl es nur knapp drei Meter waren, war Junis völlig erschöpft. Schweißperlen standen auf seiner Stirn und seine Hände zitterten.

Mittlerweile war es dunkel. Er hatte keine Ahnung wie lange er gebraucht hatte, bis er mit dem geheimnisvollen Koffer und seiner Aktentasche im Hotel und auf seinem Zimmer eingetroffen war. Es kam ihm vor, als wären es Tage gewesen. Er verstaute den Koffer im Schrank und seine Geldtasche unter dem Bett. Zog seine dreckigen und nach Taubenmist stinkenden Sachen aus, lies sich die Wanne mit heißem Wasser volllaufen und setzte sich mit angezogenen Beinen in die Wanne.

Er wusste nicht wie lange er dort verbrachte, doch er schaffte es einfach nicht aufzustehen und die Wanne zu verlassen.
Wie der Rock seiner Mutter umspülte das warme Wasser Junis nackten Körper, als er das Klopfen an seiner Tür, zuerst leise, dann immer lauter werdend vernahm.

Schlagartig begann sein Herz erneut zu klopfen. Lauter und stärker als in den Stunden bei Abonoub.

Da ist er- der Killer- jetzt ist es aus – er wird dich erschießen – schoss es ihm durch den Kopf

Und wieder wünschte er sich Mutters Rock. Weinend und am ganzen Körper zitternd, sank er auf den Boden und versuchte seinen Kopf, mit seinen Händen vor der Kugel des Mörders zu schützen.

Vor Angst zitternd und mit geschlossenen Augen hörte er, wie die Tür zum Bad geöffnet wurde.

„Nicht“ – schrie Junis

„Nicht schießen“

Brigitte stand im Türrahmen und schaute ungläubig auf Junis.

„Was ist los“ – fragte sie und rannte zu Junis der in der Wanne kauerte.

„Ganz ruhig Schatz – ich bin doch bei dir.
Keiner tut dir etwas“

Sie wusste das etwas mit Junis nicht stimmte.

In Junis löste sich allmählich die Spannung und die Todesangst wich aus seinem Körper. Gleichzeitig verfiel er in ein unaufhör-liches Schluchzen. Junis sackte nun völlig in sich zusammen. Brigitte führte ihn zum Bett, nass wie er war, drückte sie ihn nieder, legte sich zu ihm und zog die Decke über beide Köpfe. Gemeinsam lagen sie so fest umschlungen und Brigitte wusste, Junis war nun unter dem Rock seiner Mutter und in Sicherheit. Geduldig wartete sie bis er sich erholt hatte.

Irgendwo rief ein Muezzin zum Gebet. Brigitte öffnete die Augen. Es war noch dunkel und Junis schlief unruhig neben ihr. Brigitte stand auf und ging ins Bad. Als sie wieder zurück ins Zimmer kam, stand Junis nackt vor dem kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers. Auf dem Tisch lagen ein Koffer und eine braune Ledertasche.

„Was ist das“ – fragte Brigitte.

„Willst du vereisen?“

Sie grinste ein wenig verlegen. Ahnte sie doch, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

Junis drehte sich langsam um, Seine Augen waren leer und seine sonst so stark männliche Haltung war geduckt und irgend-wie ängstlich wirkend.

„Was ist in den Taschen“ fragte Brigitte erneut.

Ohne zu antworten öffnete Junis den Koffer.

Brigitte glaubte ihren Augen nicht trauen zu können. Sah sie da wirklich Geld? Viel Geld?

Sie atmete tief ein, drehte sich zu Junis und schaute ihm tief in die Augen.

Mit leiser Stimme fragte sie ihn. – „Wo hast du das her?“

„Das wirst du mir nicht glauben“ – antwortete Junis ebenso leise.

Langsam und Stück für Stück erzählte er nun Brigitte was er erlebt hatte. Das er in Gedanken an sie das Haus verpasst und durch Zufall gesehen hatte wie ein Fremder Abonoub erschossen hatte. Abounoub hatte sich offensichtlich mit dem Geld seiner Kunden aus dem Staub machen wollen. Und das er auf das Versteck gestoßen und das Geld an sich genommen hatte, war reiner Zufall.

„Jetzt weist du alles“ – sagte Junis und fügte hinzu – „Ich habe so eine Angst – sicherlich wird der Killer irgendwann hier auftauchen“.

Hilfesuchend schaute er Brigitte an. Brigitte jedoch blieb erstaunlich ruhig. Sie schien nachzudenken.

„Wir müssen jetzt ganz ruhig bleiben. Hat dich jemand gesehen?“

„Ich glaube nicht“

„Ich meine, hat dich jemand in das andere Haus gehen sehen?“

Junis dachte nach und schüttelte den Kopf. –„Ich glaube nein“.

„Weis jemand das du auf dem Weg zu Abonoub warst?“

„Ja- drei Geschäftsinhaber aus Bad Idriss, zwei Firmeninhaber aus dem Zentrum – er machte eine Pause – und mein Vater“.

Brigitte dachte nach.

„Und in der Tasche ist das Geld was sie dir mitgegeben haben“

„Ja“ – nickte Junis.

„Ist noch alles da?“

„Ja“ – nickte Junis erneut

„Gut- dann gehst du gleich zu diesen Leuten und gibst ihnen das Geld zurück“.

„Was? – alles?“

„Nein – nur das, was sie dir gestern gegeben haben“.

„Und was soll ich ihnen sagen“

„Sag ihnen, dass du den Agenten nicht angetroffen hast und dass du das Gefühl hast, das etwas mit ihm nicht stimme“- und“ ergänzend fügte sie hinzu – „sag ihnen, dass dir das Geschäft zu unsicher sei und du in Zukunft nicht mehr für sie umtauschen wirst“.

Brigitte machte eine kleine Pause. Sie schien nachzudenken. Junis kannte sie, es war jetzt besser nichts zu sagen bis sie weiterreden würde.

„Ich hab’s“ – sagte Brigitte und schnippte mit den Fingern.

„Wir behalten das Geld aus dem Koffer – wieviel ist das eigentlich?“ – fragte sie ohne Luft zu holen.  Junis zuckte mit den Schultern.

„Soll ich es zählen“

„Nein – nicht jetzt – hör zu“.

„Wir bringen das ganze Geld nach Deutschland“.

„Ich überrede meinen Chef, dass die Situation in Beirut von Tag zu Tag unübersichtlicher und auch gefährlicher wird und es besser sei, wieder nach Deutschland zurück zu gehen“.

„Und ich? Bleibe ich hier?“ -fragte Junis etwas unsicher.

„Nein“ – antwortete Brigitte. „Du wirst als Berater mitkommen und dann werden wir heiraten. Ich werde schwanger und wir werden in Köln bleiben. Von dem Geld kaufen wir uns eine Villa in Hahnwald und tun so, als sei das Geld aus guten Geschäften in Saudi-Arabien erwirtschaftet worden“.

Junis dachte nach. „Warum Saudi Arabien?“

„Damit uns niemand mit Beirut in Verbindung bringt“.

„Und dein Chef?“

„Nun mein Süßer, da musst du wohl ran und mich schwängern. Denn wenn wir ein Kind haben, kann ich aussteigen. Ich bin dann nur noch Hausfrau und Mutter und du fängst in er Immobilienbranche an und vertickst deinen Landsleuten Botschaftsgebäude und Villen in Bonn“.

Brigitte machte eine Pause, holte tief Luft, schaute ihn an und mit resoluter Stimme und es klang wie ein Befehl, bestätigte sie ihren Vorschlag.

„Genau so wird es gemacht!“

Junis wusste – es war weder eine Frage, noch ein Vielleicht.
Brigittes Entschluss stand fest!

„Komm“ – sagte Brigitte. „Lass uns das Geld zählen“. Und mit einem Lachen – „Ich die DM und du die Dollar“. Unverzüglich begann sie mit dem Zählen der Geldscheine.

Es verging eine ganze Weile bis sie wussten, dass das, was sie geplant hatten, für den Rest ihres Lebens reichen und ihnen ein sorgenfreies Leben garantieren würde.

„Und“ – fragte Brigitte – „wieviel ist es?“

„785.750 Dollar“ – erwiderte Junis

Brigitte lächelte verschmitzt

„Gewonnen!“ – jubelte sie und streckte beide Arme in die Höhe. „Eine Million, 450 tausend und 550 DM“.

Junis schien wieder in Ohnmacht zu fallen, während Brigitte erstaunlich ruhig blieb.

„Schatz“- sie schaute ihn an. „Alles wird gut. Ich habe einen Plan“.

Junis schaute Brigitte an. Obwohl er Angst hatte, eins wusste er, Brigitte konnte er immer vertrauen. Sie hatte immer gute Ideen. Schließlich hat sie ihn in die Firma geholt, hatte ihm den Job als Kontakter ermöglicht und ihn auch noch als Vertrauens-person, in Punkto Geldtausch, überall empfohlen. Sie wird bestimmt wieder eine gute Idee haben dachte er sich und wartete respektvoll auf Brigittes Idee.

„Also“ – begann Brigitte. „Ich denke als erstes sollten wir niemandem, hörst du – und es klang wie ein Befehl – niemandem, auch nicht deinen Eltern, Fadi, noch deinen Geschwistern etwas davon erzählen. Und schon morgen wirst du allen Kunden ihr Geld zurückbringen!“

Junis setzte an um etwas zu sagen, doch Brigitte gab ihm mit ausgestreckter Hand unmissverständlich zu verstehen, dass sie dieses Geld nicht bräuchten. Und dass es besser wäre, so zu tun, als wüsste man von nichts. Da die Situation durch den drohenden Bürgerkrieg immer unruhiger und brenzliger wurde, empfahl sie Junis ebenfalls, allen Kunden und auch seinem Vater, zu erzählen, dass er ab jetzt mit dem illegalen Umtausch-geschäft aufhören würde.

„Hast du verstanden?“- fragte sie Junis.
Junis nickte.

„Und wie geht es weiter“ – fragte er.

„Wenn das alles erledigt ist, buche ich uns zwei Flüge und wir gehen nach Deutschland“.

„Und wie bekommen wir unser Geld nach Deutschland“

„Lass dich überraschen. Ich habe da so eine Idee“ – antwortete Brigitte mit einem verschmitzten Lächeln.

Danach ging alles sehr schnell.

Junis brachte das anvertraute Geld zurück zu seinen Kunden und Brigitte überzeugte ihren Chef, erst einmal wieder nach Deutschland zurück zu gehen und abzuwarten, wie sich die allgemeine Situation entwickeln würde.  Schon eine Woche später standen Junis und Brigitte am Flughafen in Beirut und warteten auf ihren Flug Nummer 712 mit der Swissair über Basel nach Frankfurt. Brigitte trug einen weiten Umhang. Darunter konnte man deutlich ihren dicken Bauch sehen. Mindestens Zwillinge würden es werden. Sie betraten das Flugzeug und die Stewardessen kümmerten sich während des Fluges rührend um Brigitte. Fast fünf Stunden später landeten sie wohlbehalten in Frankfurt. Die streng drein-blickende, ebenfalls hochschwangere Zollbeamtin musterte abwechselnd Brigitte und dann Junis. Irgendwie war etwas seltsam sagte ihr der Instinkt einer Zollbeamtin mit langjähriger Erfahrung. Brigitte erfasste augenblicklich die brenzlige Situation in der sie sich nun befanden. Bestimmt hatte die Beamtin Lunte gerochen und wird sie beide gleich nach hinten zu einer Körpervisite bitten.- dachte sich Brigitte.

Blitzschnell – und noch bevor die Beamtin reagieren konnte, nahm Brigitte Junis Hand

„Fühl mal wie unser Kind strampelt“ sagte Brigitte und führte seine Hand an ihren dicken Bauch.  Langsam kreiste sie seiner Hand über ihren Bauch und zum ersten Mal stellte Junis keine Frage, sondern antwortete sofort.

„Ich glaube jetzt haben beide getreten“ Und um seine Aussage zu unterstreichen, schaute er die Beamtin mit einem breiten und glücklichen Lächeln im Gesicht, an.

Auch Brigitte, die Junis spontane Reaktion mit Erstaunen beobachtet hatte, schaute nun ebenfalls die Beamtin mit glücklich, strahlenden Augen einer werdenden Mutter an. Die vorher so streng dreinblickende Zollbeamtin fuhr sich mit der Hand ebenfalls unwillkürlich über ihren Bauch und erwiderte Brigittes Lächeln. War sie doch auch schwanger und wusste wie sich eine werdende Mutter fühlte. Für ein paar Sekunden schauten sich nun die beiden Frauen schweigend an. Und die Spannung stieg ins unermessliche. Würde sie jetzt zu einer Leibesvisitation bitten?

„Bitte – Ihre Pässe- und alles Gute“ – sagte die Beamtin und schob Brigitte und Junis mit einem Lächeln die Reisepässe über die Theke.

„Ihnen auch“ – sagte Brigitte mit einem Blick auf den Bauch der Beamtin und zog Junis zum Ausgang.

Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, verließen beide den Flughafen und fuhren mit dem Taxi zum Bahnhof um den Zug nach Köln zu nehmen.

„Sag mal – wieso hast du am Zoll so cool reagiert?“ – fragte Brigitte Junis. Der lächelte sie mit leuchtenden Augen an – „Wieso reagiert – Ich habe mir schon den ganzen Flug über gewünscht, dass es „unsere Kinder“ sind, die du da in deinem Bauch herumträgst“.

Brigitte traten die Tränen in die Augen. Sie hatte ihn noch nie so geliebt wie in diesem Augenblick. Vorsichtig nahm sie seinen Kopf in ihre Hände dann küsste sie ihn lang und innig. Junis war zu Hause angekommen. Das Gefühl wohlbehütet unter dem Rock der geliebten Mama zu sitzen übermannte ihn und auch ihm liefen die Tränen über die Wangen. In wenigen Minuten erreichen wir den Hauptbahnhof Köln, krächzte es aus dem Lautsprecher im Abteil. Ausstieg ist in Fahrrichtung rechts. Brigitte öffnete die Augen. Ganz langsam registrierte sie, dass sie wohl eingeschlafen und nun kurz vor dem Ziel „Köln“ sind. Ihr Blick fiel auf Junis, der mit seinem Kopf auf ihrem Bauch lag und friedlich zu schlafen schien. Die Frau von Gegenüber nahm ihren Koffer aus dem Gepäcknetz und drehte sich unvermittelt in Richtung Brigitte. Alles Gute ihnen dreien oder soll ich besser sagen- vieren und verließ mit einem Lächeln das Abteil. Köln – mein geliebtes Köln – Jetzt hast du uns wieder dachte Brigitte und weckte Junis sanft auf.
„Ist das unser neues Haus“ – fragte Junis und zeigte mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf den „Kölner Dom“. „Noch nicht“ – antwortete Brigitte und beide lachten laut los. „Jetzt suchen wir mal für unser „Kleines“, – demonstrativ strich sie sich über ihren dicken, mit Geld umwickelten Bauch, – „ein schönes Zuhause.  „Und dann machen wir eins, ach Quatsch fünf richtige Kinder“– fiel ihr, Junis ins Wort. Und beide lachten laut los.

Brigitte nahm Junis an die Hand- „Gute Idee – komm….“

Tödliche Überfälle

„Fatima“

„Ja Mama“ – antwortete Fatima

„Hole bitte alle bis auf Luigi zusammen“.

Eine halbe Stunde später saßen alle gespannt um den großen Esstisch und warteten darauf, was ihnen Halima so Wichtiges zu erzählen hatte.

Sie schaute abwechselnd von Halim zu Fadi, dann zu Elena. Und als alle drei zustimmend nickten, was so viel bedeutete wie, wir warten – fang an zu erzählen, holte sie, mit einem schnar-renden Geräusch, tief Luft.

„Also – Junis hat mich eben angerufen und mir mitgeteilt, dass er alles besorgt hat. Mit alles meine ich, die Einreisevisa für Jasin, Leila und Fatima, nach Deutschland“.

„Aber“ – warf Fatima ein.

„Kein aber. Wir, eure Eltern haben lange zusammengesessen und überlegt was wir machen können, um euch, uns, unser Geld und die Fabrik, in diesen, immer schlimmer werdenden Zeiten, zu schützen. Und nur Gott weiß was da noch so kommt“- fügte sie hinzu. „Deshalb habe ich Junis angerufen, dem es scheinbar mit seiner Brigitte gut geht, uns zu helfen“. „Ihr“ – und dabei schaute sie abwechselnd Jasin und die hochschwangere Leila an, „ihr werdet bei Junis in der Villa wohnen. Jasin wird Junis unter die Arme greifen und du Leila, wirst in Ruhe dein Baby zur Welt bringen und solange bei Junis und Brigitte bleiben, bis hier wieder Ordnung herrscht“.

„Und was ist mit mir?“ – fragte Fatima.

„Du mein Kind wirst ebenfalls bei Junis und Brigitte wohnen und zusammen mit Brigitte überlegen wie und wo wir unser Geld anlegen. Und auch du wirst erst wieder zurückkommen, wenn hier Frieden herrscht“.

„Und was ist mit euch?“ – fragte Jasin.

„Macht euch um uns keine Sorgen, wir halten uns ruhig und versuchen hier alles im Griff zu behalten“.

„Wann soll es losgehen?“ – fragte Leila.

„So schnell es geht“ – antwortete Elena anstelle von Halima.

„Was?“ – Jasin wollte gerade eine Frage stellen, als ein lautes Poltern im Treppenhaus zu hören war.

Erschrocken blickten alle gespannt auf die Tür.

Sekunden später wurde diese mit voller Wucht aufgestoßen, sodass sie gegen die Wand knallte und die Scheibe lautstark in tausend Splitter zerbrach. Luigi stand in der Tür. Fadi wollte gerade lospoltern, doch als er sah wie blass Luigi war – und es war kein Mehl – und wie er am ganzen Körper zitterte, sprang er auf um den, um Halt ringenden Luigi zu stützen.

Alle saßen wie gelähmt und mit offenen Mündern auf ihren Stühlen und schauten Luigi Angstvoll an.

„Was ist los?“ – fragte Fadi ganz sanft den, am ganzen Körper zitternden Luigi.

„Was ist passiert?“ – fragte nun auch Halim.

„Sie“ – Luigi rang nach Luft. „Sie haben Ben und Amar getötet!“. Luigi weinte laut und rang immer wieder nach Luft. „Sie haben sie einfach so erschossen“. Laut zog er die Nase hoch. „Sie wollten doch nur schnell noch Brot ins Restaurant von dem Franzosen im 21ten Bezirk bringen“. Luigi schluchzte laut. „Aus dem Auto haben sie sie gezogen und einfach erschossen“, wiederholte er. „Und sind dann mit dem Auto einfach wegge-fahren. Passanten haben noch versucht den Beiden zu helfen, aber sie waren schon tot“.

Bedrücktes Schweigen füllte den Raum.

Elena gab Luigi ein Glas Wein, welches er in einem Zuge leerte.

„Es ist so weit. Wir sind nirgendwo mehr sicher“ – sagte Halim mit gepresster Stimme. „Fadi und ich werden die Toten abholen und direkt morgen Früh werden wir sie beerdigen. Und ihr drei“ – er schaute zu Jasin, Leila und Fatima. „Ihr drei werdet so schnell es geht Beirut verlassen. So – und nun geht, macht eure Arbeit oder geht einfach schlafen. Wir müssen jetzt stark sein und alle zusammenhalten. Habt ihr verstanden?“ Alle nickten.

Bis auf Luigi, Fadi und Halim verließen alle den Raum.

„Unser Entschluss steht fest“ – sagte Fadi. „Wir bleiben hier“.

Und Luigi zugewandt. „Wenn du gehen willst- ich meine zurück nach Italien, kannst du das machen. Wir sind dir nicht böse“.

Luigi hatte sich ein wenig beruhigt. Er hielt Fadi sein leeres Glas hin, welches dieser ohne zu zögern wieder mit neuem Wein auffüllte.

Fadi und Halim schauten beide zu wie Luigi sein zweites Glas erneut in einem Schluck leerte.

“Capo” – sagte er – und schaute sie abwechselnd an.
“Io resto qui. Chi dovrebbe cuocere il pane della pizza se non io”. Ich meine – wer soll denn dann das Pizza Brot backen, wenn nicht ich. – Ich bleibe! – Basta“

Halim und Fadi nickten zustimmend.

Gemeinsam tranken sie noch ein weiteres Glas bevor sie sich auf den Weg machten um die beiden toten Mitarbeiter nach Hause zu holen. Schnell sprach sich der Anschlag in der Firma und auch bei Kunden und Nachbarn herum. Das wird immer schlimmer hörte Fadi eine Frau sagen. Gestern haben sie – und damit meinet sie wohl die, mit den Gewehren und Messern- , auch die Fahrer von Kaya, dem Kohlelieferanten überfallen und getötet. Auch deren LKW haben sie gestohlen. Vielleicht sind das gar keine einfachen Banditen, sondern die Milizen – ob Christen oder Muslime oder die von der PLO,- dachte sich Fadi. Vielleicht brauchen die nur LKW’s und Pickups um ihre Schlächter und deren Waffen und Bomben zu transportieren.

Dass er damit der Wahrheit ziemlich nahegekommen war, konnte er zu dem Zeitpunkt nicht ahnen.

Halim war zum Flughafen gefahren, während Halima und Elena das Begräbnis für die beiden getöteten Mitarbeiter vorbe-reiteten. Waren sie sich das als Arbeitgeber schließlich mehr als schuldig.

-:-

Es sähe schlecht aus, mit kurzfristigen Flügen von Beirut nach Deutschland, meinet der Mann von Middle East Airlines.

Halim griff in seine Tasche und holte ein Bündel Geldscheine, es waren genau 500 Dollar, hervor. In Sekundenschnelle hatte der Mann am Schalter die Situation erkannt.

„Ähm- Sir – ich glaube ich habe da noch zufällig drei Plätze frei.
Beirut- Frankfurt – über Basel. Übernächste Woche, am neunten elften um 9:35 Uhr ab Gate 1“ – fügte er ergänzend hinzu.

„Sehr gut. –  Dann nehmen wir die“.

Der Mitarbeiter von Middle East Airlines druckte die Tickets aus. Beide kannten das Prozedere. Man trifft sich mit den Händen in der Mitte und wechselt Ware gegen Bakschisch.

„Habt ihr die Beerdigung organisiert?“ – fragte Fadi die beiden Frauen.
„Ja alles OK“ – antwortete Elena.

„Heute Nachmittag werden wir sie in „Kleinem Kreise“ und mit den Eltern und Geschwistern der beiden, auf dem Zentralfried-hof beerdigen“.

„Was ist mit Halim?“- fragte Fadi erneut.

„Der hat drei Flüge nach Deutschland bekommen“ – antwortete Halim, der leise und unbemerkt die Küche betreten hatte, in dem Fadi und Elena standen.

„Wann?“ – fragte Fadi.

„In 14 Tagen“ – antwortete Halim und hielt die Tickets in die Luft.

„Na dann wollen wir mal alles vorbereiten und hoffen, dass nichts mehr dazwischenkommt“.

Jeder erhielt seine Aufgabe.  Elena half Jasin und Leila beim Packen und Fadi und Halima instruierten Fatima über ihre finanziellen Mittel, bestehende Verträge, was die Aufteilung der Firma, Geschäftsbezieh-ungen und den privaten, sowie geschäftlichen Grundbesitz betraf.

„Willst du nicht doch lieber mitkommen?“ – fragte Fatima ihre Mutter. Es schien ihr alles ein wenig über den Kopf zu wachsen.

„Warum fliegst du oder Fadi nicht mit? Ihr kennt euch doch bestens aus. Warum ich?“.  Sie runzelte die Stirn und wartete auf Antwort.

Nicht Halima, sondern Fadi antwortete Fatima.

„Sieh mal – Wir werden hier gebraucht. Zudem bist du jung, lernst schnell eine fremde Sprache und sollst schließlich irgend-wann mal mit Jasin und Leila zusammen unser Unternehmen weiterführen“. Dass sie in erster Linie dafür sorgen wollten, dass ihre Kinder nicht dem drohenden Bürgerkrieg ausgesetzt und in Sicherheit sind, verschwieg er.

„Ja so ist es“ – bestätigte Halima. „Aber du kannst uns jederzeit anrufen falls etwas nicht in Ordnung sein sollte“.

„Mach dir keine Sorgen“ – sagte Fadi. „Wir vertrauen dir. Du schaffst das. Bestimmt“.

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Bis auf den kleinen Zwischenfall, einem erneuten Angriff auf einen Auslieferer, bei dem diesmal – Gott sei Dank- niemand zu Schaden gekommen war, verlief alles erstaunlich ruhig.

Manchmal hatte man das Gefühl als sei es die Ruhe vor dem Sturm.

 

Die Hinrichtung

Zwei Stunden zuvor hatte Machmud, der mit seinen Männern, nachdem er mit Halim den Vertrag unterzeichnet hatte, die Brotfabrik verlassen. Auf dem Weg in Richtung Hafen hatte er gesehen, wie zwei Flugzeuge im Tiefflug über die Altstadt auf sie zukamen. Instinktiv hatte er sich in einem Hauseingang in Deckung geworfen und dabei gesehen, wie die Bomben in den Gebäuden einschlugen und auch, wie die Brotfabrik förmlich in die Luft flog. Der laute Knall der Explosionen hatte ihm fast das Trommelfell zerstört. Es dröhnte in seinem Kopf und als sich der aufgewirbelte Staub ein wenig gelegt hatte, erkannte er, dass seine zwei Schergen ebenfalls am Leben waren.

„Kommt“ – hatte er ihnen zugerufen. Und es klang in seinem Kopf als spräche er unter Wasser, um mit ihnen zurück zur Brotfabrik zu laufen und zu sehen, was da passiert war. Was sie dann zu sehen bekamen, verschlug ihnen förmlich die Sprache. Die Brotfabrik war nur noch ein Trümmerhaufen und im hinteren Teil brannte es und die Flammen fraßen sich schnell durch das trockene Holz des Gebälks. Von Halim und Jasin war nichts zu sehen.

Er wäre nicht Machmud gewesen, wenn er die Situation nicht erkannt und blitzschnell seinen Vorteil daraus gezogen hätte.

„Jetzt – so schoss es ihm durch den Kopf. Jetzt schnappe ich mir auch noch die Pronto Pizza Kette und das Geheimnis um die „Magic-Pizza“. Das gerade seine Brotfabrik, die er laut soeben abgeschlossenem Vertrag neu erworben hatte, völlig zerstört war, interessierte ihn nicht. Er wollte jetzt die Situation der Verwirrung, die durch die israelischen Bombenangriffe ent-standen war, nutzen und sich ein für alle Mal zum „Pizza-König“ von Beirut krönen. Also machte er sich mit seinen zwei Begleitern auf und lief in Richtung Pronto-Pizza, wo er Fadi und das Geheimnis um die Magic-Pizza vermutete.

„Ah – du willst uns unser Geld für die Brotfabrik bringen“ – hatte Fadi zu Machmud gesagt, als dieser mit seinen Begleitern, die schwer bewaffnet waren, die Pronto-Pizzeria betrat.

„Für was?“ – hatte Machmud schroff zurückgefragt. „Für die Brotfabrik? Die ist soeben zerbombt worden und liegt jetzt in Schutt und Asche“ – und als wäre das noch nicht genug, fügte er noch hinzu. „Keine Brotfabrik – kein Geld“. Das er aber den Vertrag mit Halim vor dem Bombenangriff abgeschlossen hatte, verschwiegt Machmud.

„Und was willst du jetzt hier?“ – fragte Fadi ebenso schroff in Richtung Machmud. „Willst du eine Pizza bestellen? Die kann ich dir gerne machen“.

„Vielleicht! Vielleicht aber auch mehr“ – antwortete Machmud in einem ruhigen, aber sehr bedrohlichen Tonfall.

Mit einem brutalen Hieb stießen Machmuds Begleiter, die hinter Fadi und Luigi getreten waren, beide mit ihren Gewehren in den Rücken, so dass sie zu Boden fielen. Anschließend packten sie sie an den Armen und setzten sie mit Gewalt auf zwei Stühle, die Machmud vor dem Pizzaofen positioniert hatte.

„Sag schon! Was wollt ihr? Auch noch unsere Pizzerien – fragte Fadi Machmud und schaute ihm dabei kampfbereit in die Augen.

„Eure Pizzerien bekomme ich so oder so. Wenn die Israelis hier erst einmal alles zerbombt haben, wird die PLO sich an allen rächen und die Schiiten werden die Sunniten und Christen verfolgen und dann wird es auch für dich und deine Brut, oder was davon noch übrig ist, eng.

„Du Schwein! Was hast du mit Halim und Jasin gemacht. Hast du sie umgebracht? – schrie Fadi ihn an und wollte von seinem Stuhl aufstehen um Machmud an den Kragen zu gehen. Doch einer der Wächter stieß ihm brutal seinen Gewehrkolben in den Nacken, so dass Fadi mit einem Aufschrei wieder auf seinen Stuhl sackte.

Machmud hob seine Pistole, die er in der rechten Hand hielt in die Höhe und zielte abwechselnd auf Fadi und dann auf Luigi.

Der kleine Bassam, der wie immer, wenn er müder war, sich hinter den warmen Pizza-Ofen gelegte hatte, um dort sein Nickerchen zu machen bis ihn Fadi rufen würde, war durch den Krach den die Männer machten aufgewacht und sah das sein Opa und Luigi von Machmud und seinen Männern mit Gewehren bedroht wurden. Er schaffte es aber nicht, sich zu bewegen oder laut um Hilfe zu rufen, zu tief saß der Schock und zu bedrohlich war die Situation. Er traute sich nicht zu atmen, weil er befürchtete, dass die drei ihn entdecken und töten würden.

Machmud hatte längst registriert, dass Bassam in der Ecke hinter dem Pizza-Ofen hockte, schenkte dem kleinen Bengel aber erst einmal keinerlei Beachtung.

„Was ist das Geheimnis der „Magic“ Pizza“ – schrie Machmud Fadi an und fuchtelte mit seiner Pistole vor seinem Kopf herum.

„Aha- darum geht es dir?“ – bemerkte Fadi und er zwang sich ruhig zu bleiben.

„Wir haben kein Geheimnis“- schaltete sich nun auch Luigi mit leiser Stimme ein. „Und selbst wenn, würde ich es dir niemals verraten“. Sagte es und spuckte vor Machmud auf den Boden

Machmud schaute Luigi mit seinem weißen Schal, den er um seinen Hals trug und der vorne mit einer Silbernen Brosche zusammen gehalten wurde an und in seinen Augen war eine Eiseskälte zu spüren. „Wenn das so ist“ dann brauchen wir dich ja nicht mehr!“ Nickte dem Mann der mit gezogener Pistole hinter Luigi stand zu und dieser schoss Luigi ohne zu zögern eine Kugel in den Nacken. Luigi sackte getroffen zusammen und fiel vornüber auf den Boden, genau vor Machmuds Füße. Im selben Moment wurde die Tür zur Pizzeria aufgestoßen und Halima, die den Schuss gehört hatte, stürzte in die Pizzeria. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte sie erkennen, dass Luigi am Boden lag und Halim, der auf einem Stuhl vor Machmud saß, von hinten mit einer Pistole bedroht wurde.

Sie hatte keine Chance.

Im Glauben das es sich um Milizionäre handeln würde, eröffnet-en Machmuds Begleiter sofort das Feuer auf die hereinstürmen-de Frau.

Fadi, der sofort registrierte, dass es Halima war, die da herein-gestürmt und von Kugeln getroffen zu Boden ging, warf sich mit aller Kraft gegen Machmud um diesem die Waffe zu entreißen. Beide Männer fielen zu Boden. Fadi sah Bassam in der Ecke kauern und ihre Augen trafen sich. Mit aller Kraft schrie er ihn an – „Jallah-Jallah – lauf- lauf weg“! Dann krachte ein Schuss und noch einer und Fadi sank, in Brust und Bauch getroffen über dem, am Boden liegenden Machmud zusammen

Es war das letzte Mal, dass Bassam ein Jallah aus Opas Munde hörte. Bassam kroch blitzschnell durch die Klappe, die direkt neben dem Pizzaofen war, und wo immer die Asche entsorgt wurde, nach draußen. Er kannte den kleinen Pfad, der von der Pizzeria quer über einige Grundstücke bis zu der Straße führte, die direkt an der Villa, wo sie wohnten, endete. Wenn man dort entlanglief, sparte man sich viel Zeit und einen langen Umweg über die Straßen. Er stieß die Tür zum Hof auf, rannte die Auffahrt hoch und klopfte wie wild an die Tür.

„Was ist den los?“- fragte Elena besorgt, als sie Bassam, keuch-end und weinend zugleich an der Tür stehen sah.

„Du zitterst ja!“ Und sich vergewissernd ob niemand weiteres in der Nähe ist – „komm schnell rein“.

Bassam, der langsam wieder zu Atem gekommen war, blieb erstaunlich ruhig.  „Alle sind tot“. Machmud hat sie alle erschossen. Und plötzlich konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten und begann zu weinen. Elena blieb fast das Herz stehen. Alles drehte sich und sie drohte umzufallen. „Fadi ist tot?“ – stammelte sie und brach gleichzeitig in Tränen aus. Aber irgendwie sagte eine Stimme, als wäre es Fadi, zu ihr „Rettet euch! Lauft weg-Schnell!“

„Wir müssen sofort weg hier – sonst töten sie auch uns“- sagte sie zu Bassam

Nach dem ersten Schock über den Verlust ihres geliebten Fadi, reagierte Elena ebenso wie vorher auch Bassam, erstaunlich besonnen.

„Warte- ich hole nur schnell unsere Rucksäcke mit unseren Ausweisen“, die sie mit dem Wissen, dass sie alle eines Tages möglicherweise fluchtartig das Land verlassen müssten, und dass sie dann eventuell auf sich selbst gestellt sind, gepackt hatten. Halima hatte zudem beschlossen, für jeden von ihnen einen Notfall-Rucksack mit Ausweispapieren, der Adresse von Junis und Brigitte, sowie genügend Bargeld anzulegen. Sie nahm nun alle Rucksäcke aus dem Schrank und lief so schnell sie konnte, die Treppe hinunter, wo der kleine Bassam zitternd auf sie wartete.

„Hier ist dein Rucksack und der von deinem Vater und deiner Mutter. Die anderen nehme ich“.

Das ihr ein Rucksack aus der Hand glitt, als sie mit Bassam das Haus verließ, merkte sie nicht……

 

Die Rückkehr aus dem Koma

Junis, Lea und Fatima fuhren sooft es ihre Zeit ermöglichte fast wöchentlich nach Daun in die Eifel, um Brigitte im Krankenhaus zu besuchen. Obwohl sie noch immer im Koma lag, war ihr Zustand stabil. Karl wollte Else überreden vorrübergehend mit ihm ins Forsthaus zu ziehen umso in Brigittes Nähe zu sein und auch die Kinder ein wenig zu entlasten. Else hatte sich strikt geweigert. Zu nahe wären die schlimmen Erinnerungen an Brigittes Unglück gewesen. Also zog Karl vorübergehend allein in die Eifel.

„Und hast du schon einen Klinikplatz für Brigitte in Köln gefunden?“ – fragte er Junis als der zusammen mit Lea mal wieder Brigitte im Krankenhaus besucht hatte und anschließend Karl im Forsthaus aufsuchte.

„Ich glaube ja“ – antwortete Junis. „Im Alexianer Krankenhaus in Porz wird möglicherweise in Kürze ein Bett mit der entsprech-enden Apparatur frei“. Dann hört diese ewige Kurverei in die Eifel endlich auf und wir können jeden Tag zu Brigitte“.

„Na – das wäre schön!“ – bestätigte Karl

Vierzehn Tage später hatte das Alexianer angerufen und einen Platz bestätigt. Mit einem Krankentransporter wurde Brigitte, von Daun, nach Köln Porz verlegt.

„Mein Kind- jetzt bist du zu Hause“ – sagte Else Wellmann zu Brigitte und nahm ihren Kopf zärtlich in ihre Hände um Brigitte zärtlich auf die Stirn zu küssen. „Bald holen wir dich auch nach Hause“.

Und als Else das Zimmer verlassen hatte und nur noch Brigitte und Fatima im Zimmer waren, nahm Fatima Brigittes Hände in die ihrigen, streichelte ihre Handflächen zärtlich kreisend mit ihren Dauen und flüsterte Brigitte ins Ohr.

„Ich werde das Schwein finden – und dann – Gnade ihm Gott!

-:-

Es war ein grauer Tag im Herbst 1982 als die Maschine der Türkisch Airlines mit Elena und Bassam an Bord, in Köln landete. Junis und Fatima waren beide zum nahegelegenen Flughafen Köln-Bonn gefahren um die beiden abzuholen.

„Da sind sie“ – rief Fatima und winkte mit dem großen Blumen-strauß in Richtung Elena. „Wo ist Bassam“- fragte sie sich, konnte sie den kleinen Jungen doch nirgendwo sehen.

„Da ist er“ – sagte Junis und wies auf den kleinen Jungen, der sich mit dem Koffer-Trolli und den zwei, recht kleinen Ruck-säcken darauf, abplagte.

Es war eine herzliche Begrüßung. Alle drückten sich und die Frauen ließen ihren Tränen freien Lauf.

„Freust du dich wieder hier zu sein“ – fragte Junis Bassam und an Elena gewandt. „Danke“.

„Wir fahren jetzt direkt zu uns. Da habt ihr euer eigenes Zimmer und könnt euch erst einmal erholen“ – sagte Fatima zu Elena.

„Ist Lea auch da?“ – fragte Bassam

„Ja mein Junge“ – Lea ist auch da sagte Junis mit einem traurigen Ton in seiner Stimme. Bassam hatte das nicht wirklich  registriert, aber Elena hörte genau heraus, dass etwas nicht zu stimmen schien.

„Wo ist Brigitte?“

Junis schüttelte langsam seinen Kopf, blickte in Richtung Bassam, der vorne neben Fatima auf dem Beifahrersitz saß und schloss für eine Sekunde die Augen. Elena hielt erschrocken die Hand vor ihren Mund.

„Ist sie…?“

„Nein“ – antwortete Junis knapp. Der Rest der Fahrt war Schweigen. Jeder ging seinen Gedanken nach. Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert dachte Elena. Noch so einen Verlust verkrafte ich nicht.

Else, die sich wieder gut von ihrem Schwächeanfall erholt hatte, wartete schon zusammen mit Lea und ihrem Mann Karl in Junis und Brigittes Haus, auf die vier. Else hatte nicht nur frischen Kuchen gebacken, sondern auch die Zimmer gelüftet und die Betten frisch bezogen. „Schließlich gehört sich das so“- hatte sie zu Karl gesagt, als dieser meinte, dass sie sich schonen und langsam mit der Arbeit machen solle.

„Schön das ihr da seid“ – sagte Else zu Elena und drückte sowohl Elena, als auch Bassam herzlichst. Bassam schaute Lea an und winkte ihr mit einem Lächeln zu, welches Lea freudig erwiderte. Lea zeigte Bassam sein Zimmer während die Erwachsenen sich um den großen Küchentisch versammelt hatten und Elses frisch gebackenen Pflaumenkuchen mit Schlagsahne probierten.

„Es muss sicherlich schrecklich für euch gewesen sein“ – sagte Karl und machte eine Pause, wusste er doch genau, dass er den Tot der Geliebten nicht ansprechen sollte. “Und wie hat Bassam das Ganze verkraftet? Sicherlich hat er schwer damit zu kämpfen, wie dieser Gangster brutal Fadi und seine Oma und den Pizzabäcker erschossen hat“.

Elena, die nur die Hälfte von alledem verstanden hatte, schaute Junis fragen an. Beide tauschten sich auf libanesisch aus und Junis erzählte allen, dass Bassam es erstaunlich ruhig und gefasst aufgenommen hätte und dass er auch nicht nachgefragt habe, wo seine Eltern wohl sind und ob sie noch lebten.

„Sicherlich sitzt der Schock noch zu tief“ – warf Fatima ein.

„Elena selbst“- sagte Junis, – „hat bisher noch keine Zeit gehabt um das Ganze richtig zu begreifen, geschweige denn, zu verarbeiten. Jedenfalls wünscht sie sich nichts sehnlicher, als dem Mörder ihres Mannes in die Augen zu schauen und ihn hinter Gittern zu sehen. Elena fragt auch nach Brigitte. Ich habe ihr gesagt, dass Brigitte einen Unfall hatte und jetzt in Köln im Krankenhaus liegt und dass wir sie in den nächsten Tagen besuchen werden“.

„Sag ihr, dass sie solange sie wollen, erst einmal bei uns bleiben können“ – sagte Karl und schaute Else an, die zustimmend nickte. „Auch Lea wird für eine Weile bei uns wohnen.  Und wenn unsere Tochter aus dem Koma aufwacht, holen wir sie nach Hause und dann sehen wir weiter“.

Dank der Hilfe der Wellmanns trat schon nach kurzer Zeit eine gewisse Regelmäßigkeit im Alltag ein. Junis hatte es mit Hilfe von Karl geschafft, dass Bassam in der gleichen Schule, in der auch Lea 1983 eingeschult werden würde, gehen konnte. Das Beste jedoch war, dass die Schulleiterin darauf bestand, dass Bassam in die gleiche Klasse wie auch Lea kommt, damit Bassam sich schnell integrieren würde.

Else und auch Fatima unternahmen mit Elena und Bassam fast jeden Tag etwas Neues. Beide lernten schnell die deutsche Sprache und passten sich den Gepflogenheiten an.

„Papa-Papa! Mama lebt“ – rief Lea laut und aufgeregt in den Hörer des Telefons. „Sie hat die Augen aufgemacht und mich angelächelt“. Ohne ein weiteres Wort gab sie der Stations-schwester wortlos den Hörer zurück und rannte wieder zu Brigitte ans Krankenbett. Else, die auf Brigittes Bett saß, war mit Elena und den Kindern ins Krankenhaus gefahren um Brigitte frische Blümchen zu bringen, als diese plötzlich die Augen aufschlug und ihre Mutter und Tochter anlächelte.

„Du bist wieder da“ – flüsterte Else ihrer Tochter freudig ins Ohr und ihre Tränen tropften auf Brigittes Wangen. Eine halbe Stunde später waren auch Junis, Fatima und Karl an Brigittes Bett, die aber wieder die Augen zugemacht hatte. „Das ist ein gutes Zeichen“ – sagte die Stationsschwester. Und mit einem Befehlston – „Aber jetzt alle raus. Brigitte braucht jetzt dringend Ruhe“. Es war Gold wert, dass Karl darauf bestanden hatte, dass Brigitte in eines der besten Krankenhäuser für Koma-patienten gekommen war. Behutsam hatten die Ärzte Brigitte Stück für Stück wieder zurück ins Leben geholt. Nach einer Woche waren alle Nachuntersuchungen beendet und die Magensonde entfernt worden. Bis auf ein paar motorische Störungen war nichts zurückgeblieben. Auch konnte sich Brigitte an alles erinnern, sprach aber erst einmal mit niemandem über das Geschehene.

„Wir halten sie noch ein paar Tage zur Beobachtung hier und werden mit Rehamaßnahmen beginnen“ – hatten die Ärzte zu Brigitte gesagt. „Aber Weihnachten sind sie zu Hause.“

Junis und Fatima hatten in der Zwischenzeit die Villa in Hahnwald hergerichtet und so umgestaltet, dass Brigitte und Junis Schlafzimmer nun in Erdgeschoß lag und sie mit Elena und den Kindern oben schlafen würden. Der Gedanke, eine Pflegekraft ins Haus zu holen, wurde schnell verworfen, da sich Elena unbedingt nützlich machen wollte. Fiel ihr doch sonst die Decke auf den Kopf. Sie übernahm quasi den gesamten Haus-halt. Brigitte, die zwei Wochen vor Heilig Abend entlassen worden war, fühlte sich wie eine kleine Prinzessin. Schließlich brauchte sie sich doch um nichts kümmern. Fatima und Brigitte saßen am Kamin und tranken einen heißen Punsch, den Brigitte liebevoll zuvor angerichtet hatte. Während Junis mit Elena und den Kindern zu Wellmanns gefahren waren um mit Oma Plätzchen zu backen.

„Es ist schön, dass du wieder zurück bist“- flüsterte Fatima leise und liebevoll, Brigitte zu und kuschelte sich an ihre Schulter.

„Ja – ich habe dich auch so vermisst.“

„Wie das? Du lagst doch im Bett und hast alles verschlafen!“

„Nicht alles mein Schatz! Das du mir versprochen hast das Schwein zu finden, habe ich schon mitbekommen“.

„Das werde ich auch!“ – versprach Fatima erneut.

„Ich habe bisher mit niemandem von der Familie über das Ge-schehene gesprochen. Auch nicht mit Junis. Nur du weißt was genau an dem Abend passiert ist. Ich grübele die ganze Zeit darüber nach, woher ich die Augen kenne, die mich durch die Löcher in der Maske so gierig angeschaut haben“. Fatima hob ihren Kopf von Brigittes Schultern und schaute diese überrascht und zugleich fragend an. „Das geht mir auch so. Allerdings sind es nicht die Augen, es muss etwas anderes sein. Aber so sehr ich auch darüber nachdenke, ich komme nicht drauf.“

„Was hältst du davon, wenn wir, ich meine du und ich, nochmals für ein paar Tage in die Hütte fahren und versuchen uns zu erinnern?“- fragte Brigitte plötzlich.

„Das ist eine gute Idee! Lass uns das noch einmal nach Weih-nachten besprechen. Vielleicht fällt uns dann ja noch mehr ein.“

Es wurde ein wunderschönes Weihnachtsfest. Karl hatte einen großen Tannenbaum besorgt, die Frauen so viel gebacken und gekocht, dass eine ganze Kompanie mindestens drei Wochen davon hätte leben können und die Kinder stellten für jeden aus der Familie, der im Bürgerkrieg gestorbenen war eine brennende Kerze ins Fenster, damit diese sehen, dass sie an sie denken.

340 Seiten

 

 

18 Bewertungen für DAS BÖSE BRINGT DEN TOD von Theo Gitzen

  1. Charlotte S.

    Kaum erschienen und direkt gelesen. Nach der Vorgeschichte baute sich die Spannung von Seite zu Seite auf. Immer wenn man dachte das war’s, stand schon wieder das Böse in der Tür.
    Ich bin begeistert!

  2. Elke

    Als Geheimtipp empfohlen worden!
    Hat mich gefesselt und erhält deshalb volle 5 Sterne.

  3. Marie

    Auf FB davon erfahren und sofort gekauft!
    Zwei Tage später wußte ich endlich wie es ausgeht mit dem “glücklichen Leben” in Deutschland. Einfach toll geschrieben.

  4. Regina

    Spannung pur! Konnte das Buch nicht mehr weglegen und habe durchgelesen bis zum Ende.
    Einfach super!

  5. Karl-Heinz aus W.

    ich lese mit Begeisterung Krimis und Thriller. So bin ich auch auf “Das Böse bringt den Tod” von Theo Gitzen aufmerksam geworden.
    Einfach nur genial!
    Kann es jedem nur empfehlen

  6. Richard 65. Berlin

    Absolut Spitze! Nur der Anfang bis ich in der Geschichte war zog sich ein wenig. Doch dann wurde es richtig spannend. Meine Bewertung 3 1/2 Sterne

  7. Beate aus Berlin

    Es dauerte ca. 20 Seiten, dann war ich in der Geschichte drin und gleichzeitig gefesselt. Bis zum Schluß blieb die Ungewissheit ob der Rest der Familie überlebt und ob es Fatima gelingt das Böse zu besiegen.
    Volle 5 Sterne von mir.

  8. Dorothee

    Gerade eingetroffen und schon gelesen.
    Tolles Cover und spannende Geschichte!
    War eine gute Entscheidung das Buch zu kaufen.
    Dorothee

  9. Theo Gitzen

    LIVEOnline-EventShop

    Theobaldus und die Erdbeerianer hat viele wunderbare Bilder die meine beiden “Racker” stundenlang neues entdecken lassen. Leider auch oft vor dem Schlafengehen.
    Diana Mama von zwei süßen Jungs.

  10. Karin C., Bielefeld

    Einfach Klasse!
    Historisch und immernoch aktuell. Drama und Elend pur.

  11. Annemarie D.

    Nach einem langsamen Einstieg folgte Spannung pur. Dabei war das Heranführen an die Personen echt gelungen. Danach konnte man sich perfekt in deren Lage versetzen.
    Ich gebe dem Thriller sehr gerne 4 Sterne

  12. Karin B. aus Hamburg

    Gerade zu Ende gelesen.
    Man muss sich einfach in die Zeit versetzen und schon ist man voll drin im Geschen rund um Elena, Fatima und den bösen Machmud.

  13. Theo Gitzen

    LIVEOnline-EventShop

    Ich war schon ein wenig skeptisch, als ich im Klappentext las, dass es um das Schicksal einer Bäckersfamilie in Beirut ging. Aber was dann passierte, ließ mich schnell alle Bedenken vergessen. Von mir gibts 5 Sterne.

  14. Alfred I. aus Bielefeld

    Daumen hoch!
    Das Drama um die Bäckerfamilie zieht sich von Beirut über die Eifel bis nach Köln und Berlin.
    Volle 5 Sterne

  15. Elisabeth

    Tolles spannendes Buch von Anfang bis Ende.

  16. Peter Sch.

    Habe Theo Gitzen schon mit seinen Büchern zum Fußballsport verfolgt und war überrascht, dass er auch Kinderbücher und jetzt noch einen packenden Thriller schrieb. hat mir gefallen das Buch! Deshalb 4 Sterne von mir

  17. Tanja.Tanja

    Langsamer Spannungsaufbau. Aber dann….

  18. Dorle, Coburg

    Wenn man von den etwas langen Einführungspassagen absieht, ist die Geschichte spannend und voller Überraschungen. Gebe mal 3 Sterne.

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